Chemical Landmark 2024/2025
Die Universität Zürich war weltweite Wegbereiterin für die ersten Doktorinnen der Chemie
Als erste Hochschule Europas hat die Universität Zürich Frauen zum Studium zugelassen und als erste der Welt einer Frau einen Doktortitel in Chemie verliehen. Die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz ehrt die Hochschule als bedeutende historische Stätte der Chemie mit einem Chemical Landmark.
An der Rämistrasse 59, wo heute das Asien-Orient-Institut beheimatet ist, hat die Universität Zürich Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Im Chemielabor im Keller der ehemaligen Kantonsschule erforschte Lydia Sesemann vor über 150 Jahren die chemischen Eigenschaften der Dibenzylessigsäure und entdeckte ein neues Verfahren, um Homotoluylsäure herzustellen. Beide Säuren sind wichtige Ausgangsstoffe für die Herstellung von Medikamenten. Am 15. Mai 1874 verlieh die «hohe philosophische Facultät» der Universität Zürich der Chemikerin den Doktortitel. Die gescheite Finnländerin, wie sie von Zeitgenossen genannt wurde, ist die erste Frau der Welt, die in Chemie promovierte.
Zwischen Wissenschaft und Revolution
Für ihre Rolle als Wegbereiterin für die ersten Doktorinnen der Chemie wird die Universität Zürich von der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) nun mit dem Chemical Landmark geehrt. Mit diesem Preis zeichnet die SCNAT Wirkungsstätten in der Schweiz aus, die für die Chemie historisch bedeutend sind.
Dr. Sesemann blieb nicht die einzige Pionierin. Die Universität war zu dieser Zeit vielmehr ein Magnet für Chemikerinnen aus der ganzen Welt. Frauen, denen andernorts eine akademische Laufbahn verwehrt blieb, konnten hier ihren Wissensdurst stillen. So promovierten unter anderem Rachel Lloyd als erste Amerikanerin 1886, Olga Wohlbrück als erste Deutsche 1887, Geertruida W. P. van Maarseveen als erste Niederländerin 1897 und Edith E. Humphrey als erste Britin 1901 in Zürich.
In vielen Ländern war es Frauen verboten, ohne Erlaubnis ihres Vaters oder Ehemanns zu reisen. Um in der Schweiz studieren zu können, heirateten einige überstürzt oder gingen eine Scheinehe ein. Auffallend viele Studentinnen stammten aus dem Zarenreich, das sich im gesellschaftlichen Umbruch befand. Oft waren die Frauen politisch aktiv und hatten auch in Zürich Kontakt zu revolutionären Kreisen. 1873 erliess der Zar deshalb ein Dekret, das es russischen Frauen verbot, in Zürich zu studieren. Die meisten verliessen daraufhin die Stadt. Lydia Sesemann, deren Heimatland damals zum russischen Reich gehörte, blieb und schloss ihre Doktorarbeit ab. Ihre Dissertation sei zweifellos eine der besten Arbeiten der Fakultät, befand einer ihrer Doktorväter.
Kaum Schweizerinnen
Während ausländische Studentinnen an die Universität Zürich und andere Schweizer Hochschulen kamen, blieben Schweizerinnen zunächst grösstenteils aussen vor. Denn um studieren zu können, brauchten sie eine Matura. Der Besuch eines Gymnasiums war Mädchen aber nicht erlaubt. Um trotzdem an einer Universität zugelassen zu werden, mussten sie teure Privatkurse besuchen und eine extra Aufnahmeprüfung ablegen.
Die Universität Zürich war eine Vorreiterin, um die Türen zu Wissenschaft und tertiärer Bildung für Frauen zu öffnen. Trotzdem braucht es in der Schweiz weiterhin eine gezielte Förderung, bis eine gerechte Geschlechterverteilung erreicht ist. Erfolgreiche Initiativen an europäischen Forschungsinstitutionen können als Vorbild dienen.
Preisverleihungszeremonie
Die Preisverleihung fand am 3. September im Rahmen eines öffentlichen Symposiums mit zahlreichen Gästen statt. Durch das Programm führte Kathrin Fenner (Eawag & UZH), die erste Schweizerin, die zur ordentlichen Professorin in Chemie an der UZH ernannt wurde.
Den Auftakt machte Caspar Hirschi (HSG) mit einem historischen Rückblick auf die Zürcher Hochschulen im 19. Jahrhundert unter dem Titel „Freiheit der Forschung und Frauen im Hörsaal“. Anschliessend beleuchtete Gisela Boeck (Universität Rostock) die Dissertationen der ersten Chemie-Doktorandinnen. Sie zitierte dabei unter anderem Wilhelm Weith (1874) über die erste Chemikerin an der UZH: „The dissertation […] is certainly one of the best our department has ever seen. It clearly demonstrates the female author’s ability to conduct independent research“.
Wie wenig über den weiteren Lebensweg vieler Pionierinnen bekannt ist, zeigte Edwin Constable (Universität Basel) in seinem Beitrag „Agents of change“. Obwohl heute in vielen Disziplinen gleich viele Frauen wie Männer promovieren, bleibt die Gleichstellung auf Ebene der Professuren oft nach wie vor eine Idealvorstellung.
Der zweite Themenblock war aktuellen Förderprogrammen für Frauen in der Wissenschaft gewidmet. Beiträge lieferten Frank Baaijens (TU Eindhoven) zum „Irene Curie Fellowship program“, Alejandra Palermo (RSC diversity) zu „From Challenges to Change – Breaking the Barriers for Gender Parity“ sowie Elodie Brun (dsm-firmenich) zum „SWC mentoring program“. Roland Sigel (UZH) verwies auf ein aktuelles und inspirierendes Beispiel der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der UZH, Greta Patzke, welche zum Thema “Water splitting for Clean Hydrogen: Strategies and Mechanisms” sprach.
Das Symposium endete mit einer lebhaften Podiumsdiskussion. Im Anschluss hielt Christian Bochet (Universität Fribourg) die Laudatio, bevor die Gedenktafel im Freien feierlich enthüllt wurde. Es folgten Grussworte von Jean-Marc Piveteau (Präsident SCNAT), Michael Schaepman (Präsident UZH), Miia Mäntymäki (Präsidentin der Finnischen Chemischen Gesellschaft), Gisela Boeck (Vertreterin der GDCh) sowie Edwin Constable (Vertreter der RSC). Abgerundet wurde die Feier mit einem Apéro im Lichthof der ehemaligen Kantonsschule.


























